Prof. Dr. Dr. h.c. Mario Rainer Lepsius – ein Nachruf

von Ulrich Oevermann

Der Tod von Mario Rainer Lepsius am 2.10.2014 hat in der soziologischen Profession, aber auch in den Feuilletons der grossen überregionalen Tageszeitungen eine grosse Resonanz hervorgerufen.

Lepsius gehörte der zwischen 1918 und 1931 geborenen Generation von Soziologen an, die – als sogenannte „Jungtürken“ im Fachausschuss für Industriesoziologie der DGS organisiert – im Anschluss an ihre Wiederbegründung nach 1945 durch die vorausgehende Generation von Plessner (geb. 1892), Horkheimer (1895), Stammer (1900), Adorno (1903), Gehlen (1904),  König (1906) und Schelsky (1912) die Modernisierung und eigentliche Institutionalisierung der Soziologie an den deutschen Universitäten professionell betrieben hat: Bahrdt (geb. 1918), Tenbruck (1919), Pirker (1922), von Friedeburg (1924), Popitz, Bolte (1925), Luckmann, Mangold, Helge Pross, Weltz (1927), Lepsius, Scheuch, Teschner (1928), Dahrendorf, Habermas, Renate Mayntz (1929), Fürstenberg (1930), Ludz (1931). Diese Generation, die man allgemein als die „Nie wieder“-Generation bezeichnen kann, weil die Endphase ihrer Adoleszenzkrisenbewältigung wesentlich mit dem desaströsen Ende der globalen Katastrophe des Nazi-Regimes und mit der spätestens 1945 unabweisbar einsetzenden Verarbeitung des durch es verursachten und vom deutschen Volkssouverän zu verantwortenden Zivilisationsbruches zusammenfiel, hat auf der Folie dieser kollektiven biographieprägenden Erfahrung Soziologie gar nicht anders betreiben können als als eine Dauerreflexion dieses Zivilisationsbruches und in der habituellen Distanzierung von den vorausgehenden Generationen. Sie mußte aber zugleich auch die Soziologie radikal neu institutionalisieren und das hieß: sie an die fortgeschrittene angelsächsische Soziologie vor allem hinsichtlich einer empirischen Sozialforschung und Theoriebildung anschliessen.

In dieser massgeblichen Generation war Lepsius in mehrfacher Hinsicht eine einzigartige Erscheinung. Als Einzelkind aus einer Familie mit einer jahrhundertelangen sächsisch-anhaltinisch-preußischen, kulturprotestantischen bildungsbürgerlichen Tradition von Gelehrten, Akademikern und Professoren hervorgegangen (der Ururgroßvater Carl Peter L. (1775-1853) Altertumswissenschaftler und Ratsherr in Naumburg, der Urgroßvater Karl Richard (1810-1884) Begründer der deutschen Ägyptologie, der Großvater Bernhard (1854-1934) Professor der Chemie und Fabrikdirektor, der eine Grossonkel Reinhold (1857-1922) ein berühmter Maler, dessen ebenfalls als Malerin bekannte Frau Sabine einen berühmten Berliner Salon, eng mit dem George-Kreis verbunden, unterhielt, der andere Großonkel Johannes (1858-1926) Theologe, der durch seinen unermüdlichen Einsatz für die von den Türken verfolgten Armenier berühmt wurde und über deren Genozid die bis heute wichtigste Dokumentation zusammenstellte) wuchs er zunächst in Rio de Janeiro auf (deshalb sein erster, nicht rufender portugiesischer Vorname Mario), wo sein als Jurist promovierter Vater Wilhelm (1890-1942) für die Schering AG als Chemie-Kaufmann tätig war, wurde 1934 in Madrid eingeschult, und kam dann 1936 nach München, wo er einerseits mit dem Nazi-Regime konfrontiert wurde, aber gleichzeitig vom katholischen, dem NS-Geist tendenziell distanziert gegenüberstehenden Alltagsmilieu profitierte und gleich nach Kriegsende sein Abitur machte.

Ich breche die biographische Einbettung hier abrupt ab, weil Lebenslauf, autobiographische Selbst-Charakterisierung und ein sie ergänzendes Interview mit den Herausgebern in einem von Adalbert Hepp und Martina Löw herausgegebenen Band zum 80. Geburtstag von Lepsius („M. Rainer Lepsius. Soziologie als Profession“, Ffm: Campus, 2008) außerordentlich lebendig und farbig das Leben des Jubilars so präsentieren, daß daraus zugleich eine schonungslose und ironisch gebrochene Selbstdeutung und eine soziologische Analyse des „sozialmoralischen Milieus“ wird, aus dem es hervorgegangen ist.

Meine eigene Ein-Sozialisation in die Soziologie geht, nach einer ersten Faszination durch dieses Fach in einem Freiburger Proseminar bei Friedrich H. Tenbruck, wesentlich auf die Begegnung mit Lepsius zwischen Herbst 1961 und Winter 1964/65 zunächst in München und ab 1963 in Mannheim  zurück. Lepsius, den der frisch als sudetendeutscher Emigrant aus den USA berufene Emerich K. Francis zum WS 1957/58 schon als – von Alfred von Martin – eingestellten Assistenten am neu gegründeten Institut für Soziologie (in der Theresienstrasse) vorfand, war in diesem Institut in Lehre und Alltagsadministration die prägende Kraft. Man lernte Soziologie damals in München vor allem in den von Lepsius zu den verschiedenen Gegenständen der Soziologie in breiter Ausfächerung abgehaltenen Proseminaren, mit 80 bis 150 Teilnehmern. Es waren darunter, der damaligen Zeit entsprechend,  nur wenige Studenten, die ihr Studium sofort im Fach Soziologie begannen. Die meisten hatten in allen möglichen anderen Fächern angefangen und waren darin auf – häufig wissenschaftslogische – Probleme gestoßen oder die Erfahrung, mit Fragen über die gesellschaftliche Einbettung der jeweiligen Fachrelevanz allein gelassen zu sein. Sie hofften, in der Soziologie einen Boden der Reflexion zu finden, und dieses Begehren verband sich häufig damit, einen Bruch mit dem Bildungskanon der damaligen, nicht selten noch von Lehrern mit NS-Vergangenheit repräsentierten Oberschule nicht länger aufschieben zu können. Das war genau die Konstellation, zu der die intellektuell herausfordernden Soziologie-Angebote von Lepsius passten, der selber nach einem ersten Studienaufenthalt an der London School of Economics, wo er seine spätere Frau, damals Renate Meyer, kennenlernte, dann seiner Münchener volkswirtschaftlichen Assistententätigkeit bei Friedrich Lütge und einem intensiven Soziologie-Studium an der Columbia-University in New York sowie der University of Michigan, Ann Arbor  die Phase der „kognitiven Befreiung vom Nationalsozialismus“  mit einer souveränen Aneignung soziologischen Denkens lange hinter sich gebracht hatte. Man merkte auch als unerfahrener Novize, dass hier jemand vor einem stand, der ganz und gar selbständig, ohne grosse stützende Einbettung in eine „Schule“ oder Institution seinen Weg illusionslos gegangen war, entsprechend nüchtern die Konkretion der alltagssprachlichen Gegenstandserfahrung mit der verfremdenden soziologischen Begrifflichkeit aufbrach. Die Differenz von analytischen Unterscheidungen und empirischen Mischungsverhältnissen war ein Dauerthema und bereitete einen auf die Logik der Weberschen Idealtypenbildung vor. Das Ganze paarte sich mit einem beissenden Witz und einer zuweilen irritierenden Ironisierung, hinter der aber die Freude des Dozenten an der Verblüffung durch erfolgreiche begriffliche Strukturierung beständig hervorlugte.

Ich wurde in München sehr schnell zum Vorsitzenden der örtlichen SDS-Gruppe gewählt. Das wussten natürlich Lepsius und die anderen Institutsassistenten: Heiner Treinen, Johann Jürgen Rohde und – für eine kurze Weile – Gertrud Neuwirth. Das wurde aber nicht anbiedernd wohlwollend kommentiert, sondern führte dazu, dass ich mich ständig gegen ironische Kommentierungen meiner fehlenden Standfestigkeit in Sachen Werturteilsfreiheit erwehren musste, ein hartes Training. Lepsius hat mich dann biographisch in einer prekären Situation zur Ordnung gerufen und gerettet. Ich hatte, weil ich mein Studium wesentlich selbst finanzieren musste, einen recht lukrativen Job als Studienleiter bei einem qualitativ arbeitenden Marktforschungsinstitut angenommen, in dem ich vor allem mit der Befragung von Lesern der Regenbogenpresse und der Analyse von qualitativen Interviews bis zur  Berichtsabfassung beschäftigt und ständig in der ganzen Bundesrepublik unterwegs war. Ich war auf dem besten Wege, von den angenehmen Seiten dieser Beschäftigung zum faktischen Studienabbruch verführt zu werden. Daraus hat mich Lepsius im letzten Moment durch eine bissig ironische Intervention herausgerissen, als ich mit ihm zur Erlangung eines Studiennachweises für die Fortsetzung einer Kriegswaisenunterstützung nach dem Bundesversorgungsgesetz (später Honnefer Modell) ein Semester-Überprüfungsgespräch auf der Grundlage meines Berichts über das vergangene Semester führen musste, den ich notgedrungen, weil ich kaum an der Uni war, so frisieren musste, dass ich den Besuch einer kirchenhistorischen Vorlesung im Nebenfach einem Professor zugeordnet hatte, der in Wirklichkeit eine Professorin war. Das gab Lepsius die Gelegenheit zu einer kabarettistischen Nummer über die unglaublichen Methoden einer blitzartigen Geschlechtsumwandlung. Das hat mich so bloss gestellt und in die Realität zurückgeholt, dass ich sofort damit begann, die versäumten Studien so nachzuholen, dass ich in der Lage war, einige Klausuren erfolgreich abzuschliessen. Aufgrund dieser Ergebnisse wurde mir eine Stelle als studentische Hilfskraft angeboten, so dass ich meinen Marktforschungs-Job weitgehend aufgeben konnte.

Die soziale Atmosphäre am Institut für Soziologie war vor allem auf Witz und Verfremdung abgestellt, zuweilen auch chaotisch. Neben den schon Genannten gehörten zum ständig im Institut versammelten engeren Kreis Ursula Kurz, später Wenzel, Johann Jakob Motz (†), Christa Rohde-Dachser, Wolfgang Schulte,  Constans Seyfarth, Walter Sprondel. Bei administrativen Aufgaben arbeiteten Lepsius und Francis häufig eng zusammen. Es war von Francis die Devise ausgegeben, das niemand diese Sitzungen stören dürfe. Wenn das dann aus irgendwelchen Gründen doch unumgänglich war,  sah man eine groteske Szenerie vor sich: Francis sass vor einer Reiseschreibmaschine, Lepsius diktierte ihm und spielte überzeugend den ob der Störung Empörten, während Francis erfreut über die Pause mit freundlichen Nachfragen für ihre Verlängerung sorgte. Es gab wöchentliche Institutsbesprechungen, an denen alle  Mitarbeiter teilnahmen. Auf einer solchen bemerkte Lepsius, dass sich Francis ein kunstvoll kalligraphisch geschriebenes schreckliches Zitat aus Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ gerahmt an die Wand gehängt hatte. Als Lepsius das sah, kommentierte er das empört und wortreich: Das ginge auf keinen Fall, das  müsse sofort wieder abgehängt werden. Das tat Francis dann auch sehr bald. Eine Woche später bemerkte Lepsius die Entfernung des Undings. Nun drehte er alles um: Ja, warum denn dieser sinnreiche Spruch, der zudem doch auch so kunstvoll geschrieben worden war, geradezu eine Zierde des Dienstzimmers, nicht mehr dort hinge. Das sei doch sehr schade, usf. In diesem Zusammenhang muss ich eine exemplarische Schilderung dieser skurrilen Formen des vor allem von Lepsius, an dem in der Tat ein Kabarettist und Schauspieler verloren gegangen war, gefütterten Amusements, das immer auch die Funktion hatte, durch Kontrastierung die Seriosität der Amtsgeschäfte um so deutlicher einzufordern, korrigieren. In dem Interview mit Hepp und Löw erzählt er von der story über die Sortierung von Leibchen, die eine studentische Hilfskraft, in einem Artikel des SPIEGEL über die Auswüchse der Ordinarien-Universität, für Francis habe durchführen müssen. Das sei ich gewesen, als ich aus einem Koffer von Francis Bücher hätte herausholen müssen, in dem sich auch Leibwäsche befand. Das trifft so nicht zu. Die Sortierung oblag der Hilfskraft Kristine Krauthoff, die später von Eisenstadt „From Generation to Generation“ übersetzte und diese Begebenheit gelangte dann über Alfred Edel, später als Schauspieler in Kluge-Filmen bekannt geworden, damals Hilfskraft bei Johannes Winckelmann im Max-Weber-Archiv, an Sophie von Behr, die den SPIEGEL-Bericht schrieb. Was meine damalige Tätigkeit anbetrifft – und daran wird sich Lepsius wohl erinnert haben – , gab es eine andere bezeichnende Episode: Nachdem Francis beständig über das Chaos in seinen Unterlagen geklagt hatte und dass nichts zu seiner Beseitigung geschehe, hatte Lepsius mir die Anweisung gegeben, alle Sonderdrucke und sonstigen Fremd-Manuskripte, die sich beim „Chef“ angesammelt hatten, säuberlich nach Kategorien zu ordnen, die ich mir ausdenken sollte. Das war gar nicht so einfach. Ich hatte dann zwei eigentümliche Restkategorien gebildet: „Zeltausrüstungen“ und „Polar- und Alpinausrüstungen“.  Als Lepsius meine vollendete Arbeit abnahm und inspizierte und die entsprechenden Ordner mit ihrer deutlichen Beschriftung eingereiht sah, brach er in authentisch gespielte Entzückensrufe aus: „Großartig, Oevermann, das ist ja genial. Endlich haben wir hier eine Ordnung“.  Das Ordinarienhafte an Francis „Institutsherrschaft“ drückte sich eher in operettenhaft skurrilen Überzeichnungen aus, so wenn er einem aus heiterem Himmel eine Stuyvesant aus seiner Schachtel anbot mit der Bemerkung: „Nehmen Sie die, die ist schon etwas verknittert“. Aus dieser Zeit stammt auch eine Lepsius’sche Erzählung, die uns alle zum Wiehern brachte. Wahrscheinlich im SS 1963 war Talcott Parsons, den ich damals betreuen musste, zu einem Gastsemester in München, zu dem sich die höheren Semester in einem Oberseminar mit Referaten vorbereiten mussten. Parsons logierte damals in einem Hotel-Restaurant in der Nähe des Englischen Gartens, ich glaube es war das „Halali“, in dem auch Winckelmann bei seinen München-Aufenthalten wohnte. An einem Abend müssen sich dort Winckelmann, Parsons, Horkheimer, Francis und wohl auch Lepsius zum Essen getroffen haben. Im Gespräch stellte dann Winckelmann fest, dass unter den Anwesenden Parsons der Einzige sei, der Max Weber noch lebendig erlebt habe (als Student in München, was natürlich Unsinn war, denn Parsons studierte von 1925-27 in Heidelberg Nationalökonomie und lernte in der Zeit Marianne Weber kennen, Max war schon lange tot). Jetzt wurde er aufgefordert, mit  Nachdruck wohl von Horkheimer, er möge doch Weber mal nachmachen, man wolle unbedingt seinen Sprachgestus in Erfahrung bringen. Das muss Parsons auch gemacht haben mit seinem Ostküsten-Tonfall und die ganze Runde  brach in homerisches Gelächter aus.

Lepsius erledigte damals ein ungeheures Arbeitspensum. Neben der zeitraubenden Institutsarbeit und Lehrtätigkeit musste er die Habilitationsschrift über „Soziale Schichtung in der industriellen Gesellschaft“ abschliessen, weil in Mannheim eine Berufungschance sich ankündigte. Das Verfahren musste also so schnell wie möglich beendet werden und dazu mussten, in einem Abstand von 2 Wochen, 2 gewichtige Vorträge, der Fakultätsvortrag und die Antrittsvorlesung, verfasst werden. Sie haben sich später als ganz wichtige und wegweisende Stücke der Lepsiusschen Soziologie erwiesen, in der materiale Gegenstandsanalysen zu zentralen theoretischen Modellbildungen verdichtet werden, die zugleich einen exemplarischen Beitrag zu einer historisch-typologischen Strukturanalyse darstellen. Der eine Vortrag wurde unter dem Titel „Kritik als Beruf. Zur Soziologie der Intellektuellen“ 1964 veröffentlicht. Er ist nach wie vor einer der wichtigsten soziologischen Beiträge zur Intellektuellen-Problematik. Es ist ein erfolgreicher Versuch, die scheinbare Strukturenthobenheit sozial „ortloser“ Intellektueller in einer Rekonstruktion der dahinter liegenden Struktur als Institution zu bestimmen. Der andere erschien unter dem Titel „Immobilismus: Das System der sozialen Stagnation in Süditalien“ 1965. Es ist ein Meisterstück soziologischer Analyse, wie sie Lepsius seither erfolgreich betrieben hat. Unter Rekurs auf die Analytik des auf Durkheim zurückgehenden Anomiemodells von Robert K. Merton, dem von Lepsius bevorzugten Meister der Theorien von mittlerer Reichweite, werden sowohl die Strukturgesetzlichkeit des süditalienischen Immobilismus als auch deren historischen Genese präzise herausgearbeitet. Mit ihr kann man schlüssig erklären, warum dieselben Menschen, die in ihrem Herkunftsmilieu im süditalienischen Immobilismus quasi fatalistisch sich diesem ergeben äußerst mobil und aufstiegsorientiert sich verhalten, sobald sie z.B. in die USA ausgewandert sind, sich dabei aber mühelos als in ihrer Identität unverändert selbst erfahren. Mit diesen beiden Meisterstücken war der weitere Weg soziologischer Analyse, die für Lepsius in Lehre und Forschung typisch und einzigartig war, vorgezeichnet. Es ist sehr bedauerlich, dass Lepsius seine schichtentheoretische Habilitationsschrift, die ich als Hilfskraft in Mannheim ebenso Korrektur gelesen habe wie die  beiden eben genannten Aufsätze aus völlig unnötigen Skrupeln, die er später selbst bedauert hat, nie publiziert hat. Die darin enthaltenen Bemühungen um eine kultursoziologische Ergänzung und Umpolung der funktionalistischen Schichtungstheorie in Richtung auf eine materiale Identifikation der den bloß statistischen Abgrenzungen von Schichten korrespondierenden subkulturellen Milieus, die in ihren Deutungen und subjektiven Motivlagen auf objektive Strukturprobleme und durch sie bedingte Interessen „reagieren“, hätten die in den folgenden Jahren sterilen politisierten Streitereien über Klassen- vs. Schichtentheorien, wie sie gerade auch in der Erziehungssoziologie und Sozialisationsforschung die materiale Forschung lähmten, zu überwinden helfen können. Diese Schrift hat mir die zentrale Bedeutung von Deutungsmustern als eigenlogischen Gebilden gezeigt und auf das Problem der Begrenzung eines  wissenssoziologischen Konstruktivismus verwiesen, wenn darin nicht analytisch klar zwischen der Deutung selbst und dem objektiv vorgegebenen Deutungsproblem unterschieden wird. Hier liegt der Grund für die später von Lepsius, gerade auch in der Auseinandersetzung mit dem Werk Max Webers, ins Zentrum seines soziologischen Denkens gerückte Interdependenz von Interessen, Ideen und Institutionen.

Kaum war das Habilitationsverfahren abgeschlossen, wurde Lepsius an die Wirtschaftshochschule Mannheim, seit 1967 Universität, auf einen Lehrstuhl für Gesellschaftsanalyse berufen und begann sofort im WS 1963/64 mit einer grossen Vorlesung über Makrosoziologie, speziell Klassen- und Schichtungstheorien. Lepsius nahm mich damals als Hilfsassistent mit an seinen neuen Lehrstuhl. Ich erlebte die Anfänge einer wunderbaren und beeindruckenden Zusammenarbeit zwischen vier neuen jungen Ordinarien an der Mannheimer Hochschule, aus denen dann die bis heute herausragenden Mannheimer Sozialwissenschaften bleibend hervorgingen. Das waren der Philosoph und Soziologe Hans Albert (geb. 1921) aus Köln, der Politologe Rudolf Wildenmann (geb. 1921) ebenfalls aus Köln und der Sozialpsychologe Martin Irle (geb. 1927) aus Mannheim. Für mich tat sich da eine neue Welt auf, vor allem im Hinblick auf eine wisssenschaftslogisch durchreflektierte empirische Sozialforschung. Lepsius, der später mit guten Argumenten die Gruppen-Universität nach 1968 als staatlich veranlasste Deprofessionalisierung einer wissenschaftsautonomen Einheit von Forschung und Lehre massiv kritisierte, gestaltete mit seinen drei Kollegen, zu denen später noch der Historiker Erich Mattias kam, die vorbildliche, z.B. in sehr anregenden gemeinsamen Kolloquien der vier bzw. fünf Lehrstühle sich manifestierende fruchtbringende Kooperation in der Strukturlogik amerikanischer Departments – im bewussten Kontrast zur Strukturalternative von durch einzelne Ordinarien geleiteten Instituten.

Lepsius hielt vorzügliche, materialreiche Vorlesungen und erarbeitete in den Seminaren begrifflich-analytische Klärungen der ihn interessierenden gegenstandsbezogenen Modell- und Typenbildungen, immer auch mit Bezügen zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Prozessen. Mit Vorliebe benutzte er Texte, an denen sich die Erschliessung von Strukturgesetzlichkeiten demonstrieren liess, die nicht an der Oberfläche ihrer alltagssprachlichen Ausdrucksgestalten lagen: so etwa in dem Aufsatz „Wasserkochen in Peru“, in dem die engagierten Bemühungen von amerikanischen, sozialwissenschaftlich vorgebildeten Field-Workern, infektiöse Epidemien dadurch zu verhindern, dass die indigene Bevölkerung das Wasser keimtötend abkochte, regelmässig daran scheiterten, dass die statusniedrigen Personen diese Empfehlung aus Gründen der erhofften Statuserhöhung im Kontakt mit den Fremden viel eher befolgten als die „Eliten“, die ihrerseits genau darin den Beleg dafür sahen, wie gefährlich das „Heisse“ war, das – analog zum Fieber – in den Statusniedrigen in deren durchschnittlich höheren vorausgehenden Erkrankungsraten sich manifestierte. Oder die wunderbaren, auf ethnographischen Vorgehensweisen beruhenden Untersuchungen von Donald F. Roy über Akkordarbeit und je gruppenspezifische Vertaktungen von hoch routinisierten Arbeitsabläufen. Von den soziolinguistischen Untersuchungen Basil Bernsteins, die mir später als Ausgangspunkt meiner soziolinguistischen Dissertation bei Habermas in Frankfurt dienten, habe ich in der Schichtungsvorlesung von Lepsius zum ersten Mal gehört. Ihn interessierte an diesen Untersuchungen vor allem die analytische Differenz zwischen psychologisch fass- und testbaren individuellen Fähigkeitsdifferenzen und milieuspezifisch institutionalisierten Strategien des Sprachgebrauchs. Erst diese analytische Differenz eröffnete eine Interpretation, in der, wie ich später auch empirisch nachweisen konnte, gerade die psychologisch intelligenteren Unterschichtkinder besser ihre milieueigenen Strategien der Verbalisierung beherrschten, die aber zu einer Sprachperformanz führten, die in sprachlastigen Tests ähnlich wie im Urteil der Lehrer als geringere Fähigkeiten interpretiert wurden. Zur „guten Soziologie“ im Sinne von Lepsius gehörte – und das lernte man in seinen Veranstaltungen durchgängig – eine innere Ablehnung von psychologischen Interpretationen und Erklärungen. Sie standen unter dem Verdacht einer unsoziologischen Reduktion, ähnlich wie bei Durkheim. Exemplarisch liess sich das an der Sozialisationsforschung ablesen. Soziologisch war in ihr, mit Ausnahme der Bernsteinschen Untersuchungen, eigentlich nur die Auflistung von sozialen Faktoren als Randbedingungen für die Geltung psychologisch gefasster Mechanismen, mit denen die Befunde erklärt wurden. In dieser Blickweise erschienen dann auch die Ergebnisse der Sozialisationsforschung als etwas, das sich auf die Banalität der sprichwörtlichen Einsicht „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ reduzierte, statt die viel spannendere Möglichkeit ins Auge zu fassen, dass und wie unter ungünstigen Bedingungen in bestimmten Milieus dennoch erstaunliche Bildungsprozesse emergieren können.

Umgekehrt erprobte Lepsius auch allzu gerne den Erfolg von durch soziologische Analyse angeleiteten Strukturierungen von irritierenden Vorgängen im Alltag. Auf einer der ersten Reisen von München nach Mannheim handelte der in Augsburg haltende Zug sich erhebliche Verspätung ein, weil eine Truppe amerikanischer Soldaten am Gleis umherirrte auf der Suche nach den für sie reservierten Plätzen. Der Schaffner, der sich mit ihnen nicht verständigen konnte, wurde seinerseits immer nervöser und ratloser. Wir schauten uns das aus dem Fenster lehnend an und Lepsius rief plötzlich dem Schaffner auf dem Perron auf bayrisch zu: „Jo, jo, do sigt mas wieder, die Amerikaner san an ollem schuid“. Der Schaffner guckt auf, reagiert erst einmal indigniert auf die Fremdeinmischung in seine Dienstgeschäfte, aber sofort hellt sich seine Mine auf und erleichtert schreitet er weiter auf dem Wege zu den Soldaten, den Lepsisus’schen Strukturierungsspruch gelöst mehrfach seinerseits ausstossend.

Mannheim war lokal natürlich ein ganz anderes Pflaster als München, und da ich am Ort sesshaft sein musste, während Lepsius in den ersten Monaten wöchentlich regelmässig nach München zurückfuhr, war ich ihm in der Erkundung der in Mannheim zumindest damals sehr unterschiedlichen Quartiere und Milieus voraus. Als ich ihm davon erzählte, dass in einer Kneipe im Jungbusch, dem Mannheimer Binnenschifferhafen, eine Ein-Mann-Kapelle zu hören war, also ein Musiker, der zugleich mehrere Instrumente: Mundharmonika, Schlagzeug, Trompete, Klarinette, etc. spielte, und dieser eine erstaunliche Ähnlichkeit mit Talcott Parsons aufweise, z.B. genau wie dieser in seiner langen Hosentasche beständig einen Haufen Münzgeld durch die Hand rieseln lasse, war er sofort dabei, diese Entdeckung zu überprüfen.

Da nicht abzusehen war, wann Mannheim den Status einer Universität erlangen würde und ich an der Wirtschaftshochschule nur promovieren konnte unter der Voraussetzung, vorher ein Diplom in  Volks- oder Betriebswirtschaftslehre erworben zu haben und mir dieser Weg zu lang war, begann ich während meiner Hilfskraftzeit ein Studium in Heidelberg in der Philosophischen Fakultät bei Ernst Topitsch und bei Jürgen Habermas, um dort promovieren zu können. Die Habermas-Seminare interessierten mich vor allem. Habermas war damals mit der Abfassung seiner „Logik der Sozialwissenschaften“ beschäftigt und ich fühlte mich provoziert, mehrere Diskussionspapiere zum Neukantianismus zu verfassen, natürlich aus der Mannheimer Perspektive, vor allem der von Hans Albert. Aber Habermas schreckte das nicht, er brauchte damals einen Mitarbeiter, der in Fragen der Sozialisationstheorie und -forschung in der Lage war, ihn bei seiner intensiven Beratungstätigkeit im gerade gegründeten Institut für Bildungsforschung in der Max-Planck-Gesellschaft zu unterstützen. Er bot mir, als er die Horkheimer-Nachfolge in Frankfurt antrat, am dortigen Doppellehrstuhl für Philosophie und Soziologie die Verwaltung einer soziologischen Assistentenstelle an, die ich ohne formellen Studienabschluss antreten konnte. Das gab es damals noch an Philosophischen Fakultäten. Das Angebot nahm ich natürlich mit Freuden an, obwohl die Umstellung auf die Frankfurter Verhältnisse gewaltig war. Lepsius, der Habermas sehr schätzte (umgekehrt galt dasselbe), „gab mich sofort frei“, mir sogar sehr zuratend.

So eröffnete sich mir ein Weg, auf dem ich für meine berufliche Sozialisation aufs glücklichste von zwei wirklich klassischen, ausserordentlich professionellen Ordinarien Wissenschaft gelernt habe, wie es besser nirgendwo wohl möglich gewesen wäre. Ich habe die Ordinarien-Universität auf diesem Wege von ihrer besten Seite erfahren in einer Zeit als sie strukturell in einer merkwürdigen Koalition von staatlicher Administration und Studentenbewegung verabschiedet wurde.

Der Kontakt mit Lepsius blieb erhalten, aber wurde naturgemäss immer schwächer. Eine gewisse Ironie liegt darin, dass ich von Berlin aus (in Frankfurt hatte ich noch eine Honorarprofessur inne) 1974 einen Ruf auf einen der beiden seit der Emeritierung bzw. dem Weggang von Mühlmann und Topitsch 1969 verwaisten Lehrstühle für Soziologie in Heidelberg erhielt, auch verhandelte, aber nach einem als Erprobung gedachten Vertretungssemester sofort die Segel strich, weil ich mir nicht vorstellen konnte, die vielen Probleme, vor allem die Auseinandersetzungen mit den vom Ostasieninstitut ausgehenden wilden linken Programmierungen unter dem unangefochtenen KBW-Führer Joscha Schmierer, im Neuaufbau zu bewältigen: In den Lehrveranstaltungen des Probesemesters stand ich vor einer unüberwindlichen, sich rabiat gebärdenden feindlichen Gesinnungsmauer. 1976 hat dann Wolfgang Schluchter, nach einer Intervention von Lepsius und Albert angesichts der drohenden Schliessung der traditionsreichen Soziologie in Heidelberg zu deren Rettung, einen Ruf auf einen dieser Lehrstühle angenommen und einen sehr erfolgreichen, zähen Neuaufbau geleistet, der dann 1981 dazu führte, dass Lepsius den zweiten, von Schluchter mühsam wieder zurückgewonnenen Lehrstuhl besetzte, den er bis zur Emeritierung 1993 innehatte.

Lepsius hat sich nie die Zeit genommen für grosse ausgreifende Monographien, aber er hat zu einer Vielzahl von Themen äusserst anregende, analytisch prägnante Aufsätze vorgelegt, die eine enorme Wirkung erreichten. Ich will hier noch die folgenden Beispiele hervorheben: »Parteiensystem und Sozialstruktur: Zum Problem der Demokratisierung der deutschen Gesellschaft“ (1966) hat nicht nur im eigenen Fach, sondern auch in der Geschichtswissenschaft starke Spuren hinterlassen. Darin werden jeweils die epochalen Ausgangslagen für die deutschen Parteigründungen bestimmt. Wiederum wird gezeigt, wie aus der Bewältigung von objektiven Strukturproblemen und Lebenslagen „sozialmoralische Milieus“ je epochenspezifisch hervorgehen, deren Deutungen leitend in die Programmatik der neu entstehenden Parteien übergehen, sich dort in ihrer Eigenlogik verselbständigen und als solche in die institutionelle parteienspezifische Gestalt der gesellschaftlichen Entwicklung wieder zurückwirken. Lepsius kann mit diesem Modell gut die relative Konstanz bzw. das Beharren von regionalspezifischen Mobilisierungschancen der Parteien über längere Zeiträume, d.h. bei wechselnden objektiven Lagen, erklären.

«Das Modell der charismatischen Herschaft und seine Anwendbarkeit auf den ›Führerstaat‹ Adolf Hitlers« (1986 bzw. 1993) hat vor allem bei den Historikern als erfolgreiche Anwendung des Weberschen Charisma-Theorems auf die Naziherrschaft überrascht. Dadurch ist der Charismabegriff von seinen ideologiekritischen Mißverständnissen und seinen alltagssprachlichen Verflachungen befreit worden und als strukturanalytisch zentrales Werkzeug für die soziologische Deutung von Prozessen der Krisenbewältigung in Herrschaftsbeziehungen gereinigt worden.

Seit 1976 arbeitete Lepsius gemeinsam mit Wolfgangs Schluchter an der grossen kritischen Weber-Gesamtausgabe – eine Herkules-Aufgabe. Bis zu seinem Tode war Lepsius hauptsächlich mit der Edition der Weber-Briefe beschäftigt, zum Schluss mit der besonders interessanten und heiklen Korrespondenz mit Else Jaffé-Richthofen. Für den sehr gebildeten Lepsius eine willkommene Gelegenheit, die subtilen Hintergründe der Weberschen lebensweltlichen Komplexität auszuleuchten und dabei die Gefahr der Bedienung von Voyeurismus souverän zu umgehen.

Der Dienst an der Weber-Gesamtausgabe wurde zur jahrzehntelangen Fronarbeit, die Lepsius geduldig und diszipliniert erledigte, ohne seine neugierige Partizipation an den Zeitläuften einzubüssen („Das liest ausser den Japanern sowieso niemand“, pflegte er zuweilen über diese Editionsarbeit illlusionslos zu spotten). Aber er verfiel auch nicht in Weber-Exegese und -Philologie. Das sogenannte „Weber-Paradigma“ rekonstruierte er als ein unabgeschlossenes offenes System mit einer darin eingeschlossenen latenten Entwicklungstheorie. Es galt, dieses als ungehobenes Potential für zukünftige materiale Gesellschaftsanalysen als ganzes zu füllen, statt es segmentär in verselbständigten Einzelthemen zu isolieren, die in endlosen sterilen Debatten über Wertfreiheit, oder über die Beziehung zwischen der protestantischen Ethik und der Entstehung des Kapitalismus, oder über die teleologische Zwangsläufigkeit des „stählernen Gehäuses der Hörigkeit“, oder über die angebliche Irrationalität der charismatischen Herrschaft oder über die Methodologie der Idealtypenbildung versandeten. Erst recht waren ihm die „Pokalendspiele“ zwischen der Marxschen Theorie und der Weber-Soziologie zuwider, die in den 70er Jahren endlos mit den immer schon vorprogrammierten Endergebnissen wiederholt wurden.

In der Auseinandersetzung mit dem Weberschen Werk (symptomatisch dafür: »Max Weber in München. Rede anläßlich der Enthüllung einer Gedenktafel«, in: Zeitschrift für Soziologie, 6. Jg., Heft 1 (Januar 1977); »Die Soziologie und die Kriterien sozialer Rationalität«, in: Soziale Welt, 40. Jg., Heft 1/2 (1989); »Interessen und Ideen. Die Zurechnungsproblematik bei Max Weber«, in: Friedhelm Neidhardt, M. Rainer Lepsius und Johannes Weiß (Hg.), Kultur und Gesellschaft, Sonderheft 27 (1986) der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Opladen: Westdeutscher Verlag 1986, S. 20–31) entwickelte Lepsius die maßgeblichen Leitplanken für seine Institutionenanalyse und für die materialen Analysen auf den Gebieten der Demokratieentwicklung in Deutschland, des Prozesses der europäischen Einigung, der Konstitution des deutschen Bildungsbürgertums im 19. Jahrhundert, der Dynamik des sozialen Wandels, der Strukturgesetzlichkeit in der Formierung sozialer Ungleichheit, der Entwicklung und des Wandels der Universität.

Mit seiner Neugierde, seiner Bereitschaft, immer alles radikal in Frage zu stellen, kontrastierte die ungeheure Disziplin seines Schaffens, die man zuerst, wenn man dem Charme und der Suggestion seines Spöttertums erlegen war, gar nicht erwartete. Seine „amtsethische“ Fronarbeit erledigte er mit Umsicht und großem Fleiß. Als sich die Deutsche Soziologische Gesellschaft im Umkreis von 1968 in der akuten Gefahr der Auflösung befand, verhinderte er das mit seiner bewußt zur Rettung des Faches übernommenen Präsidentschaft von 1971-1973. Nicht zuletzt ging daraus das Mitteilungsblatt „Soziologie“ hervor, in dem diese Zeilen erscheinen. Von den vielen Aktivitäten im Dienste der Soziologie seien summarisch genannt die ganz frühen Bestandsaufnahmen der Fächer Soziologie und Politologie im Auftrag der DFG, zu denen Lepsius in den 50er Jahren mit einer Isetta die ganze BRD bereiste, seine zahlreichen Gutachtertätigkeiten, die vielen getreuen Nekrologe, in denen er seinen Dank, vor allem auch den Emigranten unter den deutschen Soziologen, abstattete, die zahlreichen Herausgebertätigkeiten und schliesslich die sehr erfolgreiche und verdienstvolle Mitwirkung bei der Gründung des Soziologischen Instituts der Universität Halle unmittelbar nach der Wende, die eingebettet war in seine sehr aktive Rolle bei der Neubegründung der Soziologie in den neuen Bundesländern und der Bereinigung der Trennung von lehrender Universität und forschender Akademie der Wissenschaften in der ehemaligen DDR.

Im Grunde seines Herzens war Lepsius auf der Folie seiner ausgeprägten bildungsbürgerlichen Herkunft und seiner Zugehörigkeit zur Generation der um 1930 Geborenen, aus der die meisten der bedeutenden Intellektuellen der Bundesrepublik Deutschland hervorgegangen sind, auch ein leidenschaftlicher Intellektueller. Aber nicht einer, dem die Soziologie dazu diente, ihn als Intellektuellen mit Material zu versorgen. Viel mehr erlegte ihm die Verpflichtung zur wissenschaftlichen Rationalität und zur Dienerschaft an der Soziologie als Fach eine Disziplin auf, die auch dem Räsonnement des Intellektuellen Zügel anlegte. So bedauerte er, der doch sehr wach sein Ohr dem Raunen des Zeitgeistes zuwandte, nicht schnell und entschlossen genug darauf zu reagieren, wie es ihn an Habermas‘ Interventionen, etwa im Historikerstreit, beeindruckte. Sonst hätte er direkter reagiert auf die grossen Themen der Wiedervereinigung, der Europäischen Einigung, der sogenannnten Vergangenheitsbewältigung, der Umbrüche von 1968 oder des sich wandelnden Verhältnisses von Wissenschaft und Gesellschaft.

Sein Haus in Weinheim war häufiger Treffpunkt bedeutender Gelehrter: Reinhard Bendix, Peter Gay, Burkhard Holzner, Lewis Coser, Pietro Rossi, Shmuel Eisenstadt, Günther Roth. Mit den früheren Peers an der Columbia Universität in New York hielt er bis zum Schluß Verbindung: so mit dem legendären Juan Linz. Mit Richard F. Hamilton, dem Autor der in Deutschland sträflich vernachlässigten Untersuchung „Who Voted Hitler?“, traf er sich bis zum Schluß einmal im Jahr, wenn dieser die Verwandten seiner Frau in Mannheim aufsuchte.

Ein Eingreifen in die Politik war mit seinem ausgeprägt professionsethischen Verständnis von Wissenschaft habituell nicht vereinbar, wiewohl ähnlich wie bei Weber von seinem Naturell und seiner kommunikativen Begabung her mehr als naheliegend. Dennoch hatte er die Politik unmittelbar im eigenen Haus mit seiner Ehefrau Renate, die in der sozialliberalen Koalition als Bundestagsabgeordnete der SPD (1972-1987) für die frauenrechtliche Gesetzgebung in der BRD maßgeblich war. Von ihr wissen wir aus einem Interview, das Birgit Meyer mit ihr geführt hat (in: Birgit Meyer: Frauen im Männerbund. Politikerinnen in Führungspositionen von der Nachkriegszeit bis heute. Campus-Verlag, Frankfurt am Main u. a. 1997), daß sie, als 1964 das ersehnte Kind, Oliver, geboren wird, die anvisierte politische Karriere unterbricht, um einschränkungslos ihre Mutterschaft in den ersten Jahren ihres Kindes wahrzunehmen. 1970 nimmt sie dann Stück für Stück ihre politische Tätigkeit wieder auf, und im Gegenzug zu ihrem Karriereverzicht nach der Geburt des Kindes wird, offensichtlich nicht ganz einfach, vom Ehepaar Lepsius ausgehandelt, dass nun, 1972, nach einem Ruf an die Universität München, dem Lepsius sehr gerne gefolgt wäre, seine Frau am Zuge war, die ihren Wahlkreis in Rastatt und ihre Position in der Landespartei Baden-Württemberg nicht aufgeben wollte. Mit seiner Frau, die, als studierte Historikerin, ebenfalls aus einem kulturprotestantischen Berliner Familienmilieu stammte, teilte Lepsius das selbstverständliche Interesse an bildender Kunst. Beide besuchten um die Wende herum intensiv die Ateliers ostdeutscher Künstler. Lepsius überlebte seine Frau um etwas mehr als 10 Jahre – 10 Jahre, in denen er sie, wenn man genau hinhörte, unvermindert betrauerte.

Obwohl seine Erkrankung und sein Tod ihn aus unabgeschlossenen Arbeiten für sein Fach herausrissen, liegt ein Leben vor uns, dass auf eine exemplarische Weise die hohen Bewährungsanforderungen seines Herkunftsmilieus erfüllt und sich zu einer unvergleichlichen geschlossenen Sinngestalt gerundet hat. Er hat der deutschsprachigen und der internationalen Soziologie eine unwiderrufliche Prägung gegeben, die sich ins professionsethische Über-Ich der nachfolgenden Generationen gebieterisch eingraviert und eingravieren wird.

Es handelt sich hier um die Langfassung des für das Mitteilungsblatt „Soziologie“ der Deutschen Gesellschaft für Soziologie verfassten Beitrags, der 2015 erscheinen wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.