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ad „objektive Daten“

Autorenartikel von Thomas Loer

Da in der Objektiven Hermeneutik nach wie vor der – meines Erachtens missverständliche und erfahrungsgemäß zu Irritationen führende – Terminus „objektive Daten“ verwendet wird, möchte ich folgende terminologische Klärung zur Diskussion stellen:

»Es handelt sich hier […] um eine Bestimmung des Datentypus von seiner Erhebungsform her: der möglichen Erhebung aus Quellen, die nicht nur vom Fall sondern überhaupt von subjektiver Selektivität unabhängig sind: „Dazu gehören das Geburtsdatum, Geburtsort, Geschlecht, Wohnort, Ausbildung, Beruf, Heiratsdaten, Kinderzahl, Einwohnerzahlen, Wohnraumaufteilung und dergleichen.“ (Allert 1993: 332)*) Dabei müssen die Daten nicht aktuell faktisch so erhoben worden sein […], sie müssen aber grundsätzlich anhand solcher unabhängiger Quellen überprüfbar sein. Die begriffliche Bestimmung der als objektive bezeichneten Daten, wie sie von Oevermann und nachfolgend hier von Allert vorgenommen wurde, ist konsistent und ausreichend. Allerdings stellt sich die Frage, ob der Ausdruck ‚objektive Daten‘ terminologisch hinreichend prägnant ist. So legt der Terminus es ja durchaus nahe, den ‚objektiven Daten‘ ‚subjektive Daten‘ zur Seite stellen zu wollen. [Dazu hat sich etwa Boris Zizek verführen lassen (2012).**)] Die Rede von subjektiven Daten ist aber in sich unsinnig, da Daten die Grundlage methodischer Analysen bieten und methodologisch die Objektivität der Daten: die „Objektivität des Protokolls“ (Oevermann 2004)***), unabdingbar ist. Was auch immer also ‚subjektive Daten‘ sein mögen, für eine methodische Rekonstruktion sind sie unerheblich. Deshalb schlagen wir vor, diejenigen Daten, die unabhängig von subjektiver Selektivität erhoben und mittels unabhängiger Testate überprüft werden können, mit dem Terminus ‚testierbare Daten‘ auf den Begriff zu bringen. Damit ist auch klar, was Allert fortfahrend formuliert: „Bei der Rekonstruktionsarbeit interessieren die Daten nun nicht an sich, vielmehr aufgrund der Annahme, daß die hierin objektivierten Lebensumstände auf lebenspraktische Entscheidungen verweisen, die sich zu einer Typik des Handelns sukzessive verdichten. Das Verhältnis von objektiver Möglichkeit und faktisch gewählter Option unterliegt selbst wiederum einem kumulativen Prozeß. In dieser Kumulation liegt die objektive Einzigartigkeit eines biographischen Verlaufs.“ (Allert 1993: 332)« (Loer 2015: 303)****)

*) Allert, Tilman (1993): Familie und Milieu. Die Wechselwirkung von Binnenstruktur und Außenbeziehung am Beispiel der Familie Albert Einsteins. In: Jung, Thomas; Müller-Doohm, Stefan (ed.), „Wirklichkeit“ im Deutungsprozeß. Verstehen und Methoden in den Kultur- und Sozialwissenschaften, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 329-357; hier: 332
**) Zizek, Boris (2012): Vollzug und Begründung, objektive und subjektive Daten – Eine Parallele?. In: sozialer sinn 1 (13): 39-56
***) Oevermann, Ulrich (2004): Objektivität des Protokolls und Subjektivität als Forschungsgegenstand. In: ZBBS 2: 311-336
****) Loer, Thomas (2015): Diskurspraxis – Konstitution und Gestaltung. Testierbare Daten – Methodologie der Rekonstruktion. Objektive Hermeneutik in der Diskussion. In: sozialer sinn 2 (16): 291-317

Siehe auch: https://oh-meth.blogspot.com/2018/11/ad-objektive-daten.html

Für die in Autorenartikeln vorgetragenen Argumentationen und die dort vertretene Position liegt die Verantwortung allein beim Autor.

Routine und Krise in der akademischen Soziologie

Autorenartikel von Manuel Franzmann und Claudia Scheid

Folgender Text kommentiert Themenwahl und Rahmenpapier des 37. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie „Routinen der Krise – Krise der Routinen“, Universität Trier, 6.-10. Oktober 2014. Er baut auf einem Exposé für eine Ad-hoc-Gruppe auf, die mangels Interesse seitens der DGS nicht zustande kam.

„Googelt“ man nach dem Begriffspaar „Krise und Routine“, verweisen die ersten zehn Suchergebnisse alle (und mit ihnen viele weitere) auf das Werk von Ulrich Oevermann (Stand 15.3.2014). Zufällig ist dies nicht, es resultiert aus der jahrzehntelangen „systematischen Arbeit am Krisenbegriff“ (aus dem Themenpapier des Kongresses), eine Arbeit, die schließlich sogar in einer explizit „krisentheoretischen Begründung der Soziologie“ kulminierte. Trotzdem wird in dem Themenpapier des Kongresses gesagt, dass die Arbeit am Krisenbegriff „in der Soziologie (…) noch weitgehend aussteht“. Ein Hinweis auf Oevermanns Werk erfolgt nicht, und sei es nur im Sinne des Anführens einer rühmlichen Ausnahme.

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