Objektive Hermeneutik in Wissenschaft und Praxis

Autorenartikel von Thomas Loer

Eine Reihe von Lehrbüchern

Die Objektive Hermeneutik ist mittlerweile in der Soziologie und anderen Sozialwissenschaften weit verbreitet. Gleichwohl fehlt eine eingängige Gesamteinführung, die die Arbeit mit und das Erlernen der Forschungsmethode der Objektiven Hermeneutik fundiert und fasslich ermöglicht. Die Bedeutung der materialen Fragestellung für das methodische Vorgehen in der Objektiven Hermeneutik macht ein solches Unterfangen schwierig. Eine reine Methodeneinführung ist der Objektiven Hermeneutik nicht angemessen. Um den gleichwohl berechtigten vorhandenen Wünschen nach einer entsprechenden Einführung nachkommen und der Besonderheit der Objektiven Hermeneutik gerecht werden und also die Sachangemessenheit der Methode integral in ihre Darstellung aufnehmen zu können, wird ab diesem Jahr 2021 eine Reihe von Lehrbüchern erscheinen, in denen die Einführung in die Objektive Hermeneutik jeweils an einem Beispiel, das aus materialen Forschungen hervorgegangen ist, erfolgt.

Die einzelnen Lehrbücher präsentieren jeweils solche Beispiele mit dem Rahmen einer expliziten methodologischen Begründung versehen. In ihnen werden materiale Forschungsergebnisse bei gleichzeitiger expliziter Darstellung des Vorgehens dargelegt; auf diese Weise wird in die Grundlagen und Verfahren der Objektiven Hermeneutik eingeführt. Jede Ausgabe bietet auch Klärungen der konstitutionstheoretischen und methodologischen Einbettung und ermöglicht so ein tiefgreifendes Verständnis der Begründung des methodischen Vorgehens. Das setzt bei der Planung einer Forschung an, betrifft die Frage der Fallauswahl, der Selektion der Datentypen und der Erhebung, der spezifischen Fragen der Analyse der jeweiligen Datentypen der interpretativen Forschung und führt bis zur besonderen Form der Ergebnisdarstellung und des Transfers der gewonnenen Erkenntnisse in die Praxis. Exemplarische Interpretationen machen dabei das jeweilige interpretatorische Vorgehen konkret deutlich und nachvollziehbar. In den systematischen Eingangskapiteln werden jeweils knapp die konstitutionstheoretischen und methodologischen Grundlagen der objektiven Hermeneutik dargestellt, woraus sich die forschungs- und erkenntnislogischen Besonderheiten, die mit den unterschiedlichen Ausdrucksmaterialitäten und Protokolltypen verbunden sind, ergeben; diese werden in den einzelnen Ausgaben dann entsprechend konkretisiert. Als Moment der Erkenntnisgewinnung durch Strukturgeneralisierung, die als der Zielpunkt der interpretativen Analysen dargestellt wird, gilt auch die Ergebnisdarstellung, welche entsprechend vorgeführt wird.

Jede Ausgabe der Lehrbücher wird ein Glossar enthalten, in dem die relevanten Begriffe knapp und prägnant erläutert werden; außerdem finden sich in den Büchern jeweils an entsprechender Stelle eingebaut Exkurse, die objekttheoretische Begriffe und Zusammenhänge (z. B.: zum Terminus ‚Kommunikation‘, zum Duzen) ebenso erläutern wie für das jeweilige Ausdrucksmaterial spezifische technische Begrifflichkeiten (z. B. zur Länge der Analyseeinheit, zur Relevanzregel).

Da die Objektive Hermeneutik nicht nur für die wissenschaftliche Grundlagenforschung, sondern auch für Aufgaben angewandter Forschung in besonderer Weise geeignet ist, werden voraussichtlich auch diesem – zunehmend relevant werdenden – Aspekt der Methode, der besondere Herausforderungen an Ökonomie in der Analyse und Suggestivität in der auf Transfer angelegten Ergebnisdarstellung stellt, eigene Ausgaben der Lehrbücher gewidmet.

Skizze zum Aufbau der Hefte

  • Einleitung: Zum Entstehungskontext der objektiven Hermeneutik
  • Konstitutionstheoretische und methodologische Grundlagen
  • Methodisches Vorgehen: Forschungsplanung (Dimensionaler Auswahlrahmen, Kontrastives Sampling, …); Feldzugang; Datenerhebung (Technik der Protokollierung, Pragmatik der Erhebung); Datentypen (natürliche vs. forschungsevozierte Handlungen – Überreste, Quellen, Denkmäler, … –, technische Aufzeichnung vs. interpretierende Dokumentation); Erhebungstypen (Forschungsgespräch vs. Typen von Interviews, Videoaufzeichnung, archivarische Erhebung von Dokumenten, Sammlung von Artefakten, rekonstruktive Beobachtung, Erhebung objektiver Daten); Datenaufbereitung (Problem der Flüchtigkeit und seine Lösung: Verschriftlichung, Videoinstrumente – Übersetzung ein Problem?); Datenauswertung (Pragmatische Rahmung und Fallbestimmung – Sequentialität der Datenauswertung – Sequentialität der Analyse einer Objektivation einer Praxis – Kontrastive und sequenzielle Rekrutierung von Fällen – Sequenzanalysen); Strukturgeneralisierung; Ergebnisdarstellung (Problem der begrifflichen Explizitheit und Prägnanz, Transparenz der Argumentation, Anonymisierung); Reflexion des methodischen Vorgehens
  • Vorschläge für eigene (Lehr-) Forschungen, …
  • Literatur
  • Glossar
  • Anhang: Auszug aus Datenmaterial, Fragebögen, weitere Informationen, …
  • Digitales Zusatzmaterial: Video und Audiomaterial, weiteres (schriftliche, visuelles, akustisches) Datenmaterial, Fragebögen, weitere Informationen, Verlinkungen, …

Bisher geplante Ausgaben

• Forschungsgespräche, • Videographien, • Photographien, • Werke der bildenden Kunst I: Gemälde, • Kinderzeichnungen, • Literarische Texte, • Briefe, E-Mails,…, • Wissenschaftliche Texte, • Politische Texte, Debatten, …, • Werke der bildenden Kunst II: Skulpturen, • Protokolle gestalteter Räume I: Architektur, • Protokolle gestalteter Räume II: Dokumentation von Arbeitsplatzgestaltung, • Protokolle gestalteter Räume III: Landkarten, Luftaufnahmen, • Überreste, Artefakte, • …

Zielgruppe

Studenten der Soziologie und anderer Sozialwissenschaften ab 3. Semester; auch für Anfänger geeignet; Dozenten, die sogenannte qualitative Methoden zu lehren haben; Forscher, die sich mit der Objektiven Hermeneutik vertraut machen wollen; Berater und Supervisoren, die ihre Praxis wissenschaftlich reflektieren und absichern wollen.